Klinik am Homberg, Bad Wildungen, Fachklinik für Orthopädie, Psychosomatik und Psychotherapie
Druckversion vom 11.03.2010
URL: http://www.klinik-am-homberg.de/station-3.html

Seite: Station 4


Behandlungskonzept der Essstörungsstation 4

(Aus Gründen der Vereinfachung wird überall nur die männliche Sprachform gewählt)

Auf der Station 4 unseres Hauses wird ein integratives Konzept zur Behandlung von Essstörungen, insbesondere in Kombination mir anderen psychischen Störungen, im Einzel- und Gruppensetting angeboten. Wir arbeiten zum Teil tiefenpsychologisch und zum Teil verhaltenstherapeutisch orientiert. Je nach individuellen Gegebenheiten und Indikation werden die Einzel- und Gruppenanwendungen kombiniert. Dabei liegt der Schwerpunkt auf einer Behandlung im gruppentherapeutischen Setting.

Jede Gruppe findet 4 mal pro Woche statt, davon in der Regel 2 mal pro Woche als Kreativverfahren.

Ein Schwerpunkt dieser Station liegt in der Behandlung von Essstörungen, insbesondere Adipositas, Bulimie, Binge eating Disorder und Night eating syndrome.

In der Regel bestehen neben der Essstörung auch andere psychische, psychosomatische und somatische Erkrankungen, die wir in der Therapie entsprechend berücksichtigen.

Es bestehen zur Zeit folgende aufdeckende Gruppenangebote im halboffenen Setting:

Eine Besonderheit der Station 3 ist die gesundheitsphysiologische Untersuchung zur Bestimmung der optimalen Trainingsbelastung. Diese Untersuchung wird nach Indikationsstellung bei adipösen Patienten durchgeführt, um die individuelle körperliche Belastbarkeit zu ermitteln und das Trainingsprogramm individuell danach auszurichten. Im Verlauf der 6-wöchigen Therapie wird diese Messung 2 mal durchgeführt, um die körperlichen Veränderungen im Rahmen der Therapie festzuhalten und dem Patienten nachvollziehbar zu machen.

Selbstverständlich können unsere Patienten auch psychotherapeutische Angebote nutzen, die von anderen Stationen, Abteilungen unseres Hauses geleitet werden (Station 4, Station 5, Station 6).

Parallel zu den oben aufgeführten Therapien hat jeder Patient die Möglichkeit, verschiedene Entspannungsverfahren kennen zu lernen bzw. für sich zu nutzen (Autogenes Training, Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson, respiratorisches Atembiofeedback, Atemgymnastik, Meditation, Yoga, Feldenkrais, Lichttherapie).

Die psychotherapeutischen Behandlungsangebote werden ergänzt  - je nach Indikation zusammengestellt – um sporttherapeutische, balneophysikalische, ergotherapeutische Maßnahmen und um Angebote der Ernährungsberatung und Sozialberatung – entsprechend dem ganzheitlichen Behandlungsgrundsatz.

Vorträge, Seminare zu verschiedenen psychotherapeutischen Themen und zum Gesundheitsverhalten (Gesundheitstraining) komplettieren das Therapieprogramm.

Unser Verständnis der Essstörungen und Behandlungsphilosophie

Nach unserem Verständnis ist eine Essstörung Ausdruck und Lösungsversuch seelischer Konflikte, die aus früheren Erfahrungen herrühren und durch aktuelle Lebensveränderungen verstärkt werden.

Oft kommt es durch diese Veränderungen zu nachhaltigen und tiefgehenden Erschütterungen des Selbstwertgefühles. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten lässt nach und der Wunsch nach Hilfe und Beistand wächst. Nicht selten hat sich ein Gefühl der Ohnmacht und des Versagens entwickelt, weshalb Hilfsangebote anzunehmen auch schwer fallen kann. Deshalb stimmen wir mit den Betroffenen die Therapie auf die persönlichen Gegebenheiten ab.

Links – im Sinne einse Glossars:

Adipositas:

Adipositas ist starkes Übergewicht, das durch eine über das normale Maß hinausgehende Vermehrung des Körperfettes mit krankhaften Auswirkungen gekennzeichnet ist. Eine Adipositas liegt, nach WHO-Definition, ab einem Körpermasseindex (BMI) von 30 kg/m² vor. Die Adipositas wird in 3 Schweregrade unterteilt:

Binge Eating Disorder (BED)

Regelmäßige Essanfälle mit folgenden Merkmalen

  1. in einem abgrenzbaren Zeitraum wird eine Nahrungsmenge gegessen, die deutlich größer ist als die Menge, die andere Menschen im selben Umfang unter den gleichen Umständen essen würden.
  2. während des Essanfalls wird der Verlust der Kontrolle über das Essen empfunden

Die Essanfälle sind mit mind. 3 der folgenden Merkmale verbunden

  1. es wird wesentlich schneller gegessen als normal
  2. es wird gegessen, bis man sich unangenehm voll fühlt
  3. es werden große Mengen gegessen, obwohl man sich nicht körperlich hungrig fühlt
  4. es wird allein gegessen, weil es einem peinlich ist, wie viel man isst
  5. man fühlt sich von sich selbst angeekelt, depressiv oder sehr schuldig nach dem Überessen

Seelisches Befinden

Es besteht hinsichtlich der Essanfälle merkliche Verzweiflung.

Häufigkeit der Essanfälle

Die Essanfälle treten im Durchschnitt an mindestens 2 Tagen pro Woche über 6 Monate auf.

Kein Kompensationsverhalten

Die Essanfälle sind nicht mit der regelmäßigen Anwendung von unangemessenen Kompensationsverhalten (z.B. abführende Maßnahmen, Fasten oder exzessiver Sport) verbunden und treten nicht im Verlauf einer Anorexia nervosa oder Bulimia nervosa auf.

Bulimia nervosa

Essanfälle
Wiederholte Essattacken mit hastigem Herunterschlingen der Nahrung

Kontrollverlust
Die Betroffenen haben das Gefühl, nicht mit dem Essen aufhören zu können

Kompensationsverhalten
Um eine Gewichtszunahme zu vermeiden, erfolgen regelmäßig Maßnahmen wie Erbrechen, Diäten, übertriebener Sport, Missbrauch von Abführmitteln (Laxanzien) und Diuretika (harntreibende Medikamente)

Häufigkeit der Essanfälle
Mindestens 2 Essanfälle pro Woche über einen Zeitraum von mehr als drei Monaten

Körperschema
Andauernde, übertriebene Beschäftigung mit Figur und Gewicht

Die Störung tritt nicht ausschließlich während einer Phase der Anorexia nervosa auf.

Abführender Typ (purging subtyp)

Regelmäßig selbst-herbeigeführtes Erbrechen oder Missbrauch von Abführmitteln, Diuretika oder Einläufe

Nicht-abführender Typ (non-purging subtyp)

Anderes unangemessenes Kompensationsverhalten wie Fasten, exzessiver Sport. Jedoch kein Erbrechen oder Missbrauch von Abführmitteln

Night eating Syndrom (NES)

NES ist eine Kombination einer Parasomnie mit einer Essstörung. Zuerst 1955 beschrieben, erst seit 1999 vermehrt öffentlich wahrgenommen. Die Störung betrifft 1 bis 2 % der Bevölkerung. Das charakteristische Verhalten dieser Patienten liegt im Auslassen des Frühstücks, mindestens die Hälfte der täglich zugeführten Kalorien werden nach dem Abendbrot zugeführt.. Das Essverhalten ist nicht auf einen Essanfall konzentriert, sondern erstreckt sich über mehrere Stunden und ist in der Regel mit Schuldgefühlen verknüpft. Häufig ist diese Störung vergesellschaftet mit Angst oder Depression. Zusätzlich bestehen generelle Schlafprobleme. Zur Diagnosestellung sollte die Störung über mindestens 2 Monate persistieren. NES führt zu Gewichtszunahme. 28 % der Patienten, die eine Magenbandoperation anstrebten wurden in einer Studie als NES Kranke diagnostiziert. Eine offiziell anerkannte Klassifikation dieser Erkrankung besteht bisher noch nicht, ebenso wenig wie eine Therapieempfehlung. (Stunkard 2004, Allison KC 2005)

Katathymes Bilderleben

Die KiP ist ein tiefenpsychologisches, von Prof. H. Leuner 1954 entwickeltes Psychotherapieverfahren. Der Name leitet sich aus dem Griechischen ab: Kata für den Wechsel, Thymos für das Gefühl.

Im Zentrum der KiP steht das Imaginieren/Vorstellen von inneren Bildern zu einem vorher festgelegten Thema. Je nach Thema ergibt sich die Möglichkeit stabilisierend, ressourcenfördernd oder konfliktaufdeckend zu arbeiten. Die inneren Bilder zeigen innerpsychische emotionale Prozesse. Hier werden in symbolischer Form Wesenszüge des Patienten, aber auch Konflikte dem Patienten sichtbar und damit bearbeitbar. Der Patient selbst hat wesentliche Steuerungsmöglichkeiten in der Hand, um sich einzulassen oder abzugrenzen.

Praktischer Ablauf

Gemeinsam mit der Gruppe und dem Therapeuten wird zu Beginn ein Thema gesucht, das eine konkret vorstellbare Situation unter Einbeziehung der Gruppe beinhaltet. Wenn alle dem Thema zustimmen können, legen die Patienten sich sternförmig mit dem Kopf in die Mitte im Kreis zusammen und es folgt eine kurze Einstimmungsphase. Anschließend werden die in der Vorstellung erscheinenden Bilder, die auch andere Sinneseindrücke, wie Gerüche, Geräusche oder taktile Empfindungen beinhalten, in der Gruppe berichtet. Diese „Bilder“ können sich zu kurzen Geschichten entwickeln, in denen sich aktuelle Stimmungen, Ressourcen und Konflikte abbilden. Es ist erwünscht, ein gemeinsames „Gruppenbild“ zu entwickeln, in dem sich zusätzlich auch die Befindlichkeit in der Gruppe und die Beziehungen zu den Mitpatienten zeigen. Das hilft häufig zu verstehen, wie die Patienten auf die anderen wirken und wie diese Wirkung entsteht.

Alle diese Inhalte zeigen sich dem Patienten in symbolisch verdichteter Form.

Durch die empathisch verstehende Begleitung des Therapeuten kann die Auseinandersetzung mit den erscheinenden Symbolen erleichtert und unterstützt werden.

Nach der Phase des Bilderns kann das Erlebte besprochen und im Bild festgehalten werden. Der angeregte Prozess kann in den folgenden Stunden bei Bedarf wieder aufgegriffen werden. Hierbei kann die Verbindung zur Lebensgeschichte hergestellt und die Themen weiter bearbeitet werden um auch für den Alltag zu profitieren.

Konzentrative Bewegungstherapie

Bei Essstörungen und auch bei Übergewicht bestehen regelmäßig Körperschemastörungen. Diese werden nach individuellen Bedürfnissen mit Körperübungen, Konzentrative Bewegungstherapie (KBT), Körpertherapie behandelt. (2x 1,5h pro Woche).

Die Körpertherapie findet in einer festen Kombination mit der Gesprächstherapiegruppe statt. Im regelmäßigen 5 mal wöchentlichen Austausch zwischen Körper- und Gesprächstherapeut werden die spezifischen Konflikte und Therapieschwerpunkte der einzelnen Patienten besprochen.

Die Konzentrative Bewegungstherapie (KBT) ist eine körperorientierte, psychotherapeutische Methode und wurde von dem Psychoanalytiker Dr. med. Helmut Stolze begründet. In der Konzentrativen Bewegungstherapie werden Wahrnehmung und Bewegung als Grundlage des Handelns, Fühlens und Denkens genutzt. Im konzentrativen Sich-Bewegen, Sich-Wahrnehmen werden Erinnerungen reaktiviert, die im Laufe des Lebens ihren Körperausdruck in Haltung und Verhalten gefunden haben.

Außerdem kann im Umgang mit Objekten (z.B. Tücher, Steine, Stäbe, oder auch Menschen) neben der realen Erfahrung auch ein symbolischer Bedeutungsgehalt erlebbar werden.

Auf dem Hintergrund entwicklungs- und tiefenpsychologischer Denkmodelle ermöglicht das anschließende Gespräch den Erfahrungsaustausch und die Reflexion der leiblichen Erfahrung. Ergebnisse sind differenziertere Wahrnehmung, klarere Unterscheidung von funktionalen und dysfunktionalen Verhaltensmustern und darauf aufbauend Veränderung und Entwicklung.

Gesundheitsphysiologische Untersuchung

Die Gesundheitsphysiologische Analyse dient der Bestimmung der individuellen Leistungsgrenzen zum Erstellen eines individuellen Trainingsplanes. Es werden zu diesem Zweck im Institut für Prävention und Sportmedizin eine Reihe von Messungen durchgeführt: Ruhe-EKG, Blutdruck mit ausreichend großer Manschette (mind. 1x pro Woche), Lungenfunktion, Spiroergometrie, Bio-Impedanzmessung, Belastungs-EKG (wahlweise sitzend auf dem Fahrrad, auf dem Laufband oder am Handkurbelergometer inklusive Blutdruckkontrollen), Indirekte Kaloriemetrie und Glucosestoffwechseluntersuchung mit Bestimmung des Laktats.

Es findet eine zwischenzeitliche Prüfung der verbesserten Leistungsfähigkeit und der Körperzusammensetzung einschließlich Body Cell Mass Index statt. Da es hier innerhalb weniger Wochen zu deutlichen Veränderungen kommen kann, kann dies gut die Aufrechterhaltung der Motivation zur Bewegung unterstützen. Daher erfolgt je eine Messung zu Therapiebeginn, nach der 3. Woche und zu Therapieende.

Esstagebuch

Eine Voraussetzung der Therapie ist, dass der Therapeut möglichst genau über das Essverhalten des Patienten informiert ist. Vorraussetzung hierfür ist die tragfähige Beziehung zwischen Patient und Therapeut. Der Einsatz ist aber nur dann sinnvoll, wenn der Patient sich nicht in seiner Autonomie beschränkt sieht, sondern aktiv an der Information des Therapeuten interessiert ist, wozu er zu Therapiebeginn gewonnen werden muss.

Das Führen des Tagebuchs sollte verbindlich vereinbart werden, unmittelbar nach dem Essen geführt und immer mitgeführt werden. Auf die Aufzeichnungen wird in den Therapiestunden und der Ernährungsberatung regelmäßig eingegangen.

Ziel der Therapie ist, dass bei verändertem Essverhalten andere Lebensinhalte den Lebensmittelpunkt einnehmen können. Um dies zu ermöglichen, bedarf es jedoch zunächst einer Würdigung dessen, was der Patient zu Beginn der Therapie noch als seinen zentralen Lebensinhalt wahrnimmt. Schließlich handelt es sich doch um einen, wenn auch vergeblichen, Lösungsversuch der Patienten für ihre Probleme. Die Methoden hierfür sind Tagebuchtechniken, die der genauen Selbstbeobachtung, der Unterbrechung von Automatismen, der Selbstwirksamkeitsstärkung und der Bildung von Hypothesen dienen.

Inhalt des Esstagebuchs: Zeit, Ort, welche Nahrungsmittel und wie viel, vorausgehende Gedanken, Gefühle und Ereignisse, nachfolgende Gedanken und Gefühle, Gewichtsregulierende Maßnahmen, Essanfall oder kontrollierte Nahrungsaufnahme sollen detailliert aufgeführt werden.

Stand: 28.10.09 / O. Ristow



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