„Betriebliche Konfliktkultur: Von der Mobbingberatung zur betrieblichen Konfliktprävention“

Zum Umgang mit Konflikten in Betrieben und öffentlichen Verwaltungen
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„Betriebliche Konfliktkultur: Von der Mobbingberatung zur betrieblichen Konfliktprävention“

Dr. med. Heike Schulze

Chefärztin der Fachklinik für Psychosomatische Rehabilitation/ Psychotherapie Klinik am Homberg in Bad Wildungen

Kurzbeitrag auf der Fachtagung am 4. Oktober 2010

des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt ( KDA)

im Haus der Kirche in Kassel

mit dem Thema:

„Betriebliche Konfliktkultur:

Von der Mobbingberatung zur betrieblichen Konfliktprävention“

Zum Umgang mit Konflikten in Betrieben und öffentlichen Verwaltungen

Die stationäre psychosomatische Rehabilitation wächst in den letzten 10 Jahren nahezu kontinuierlich um ca. 3-5 % und wird von den Hauptleistungsträgern Deutsche Rentenversicherung Bund und Länder finanziert.

Dies ist Folge der starken Zunahme der psychosomatischen Erkrankungen in der Bevölkerung, die bereits zu einer Gefährdung oder Minderung der Erwerbsfähigkeit führen, zu einem großen Anteil ausgelöst durch „besondere Arbeitsplatzproblemlagen“, die die Deutsche Rentenversicherung kurz und bündig mit BAPL bezeichnet. Darunter verstehen wir zunehmend eskalierende Konflikte, die von den Arbeitnehmern als Mobbing erlebt werden, und die zu deren Ausgrenzung und Isolierung führen, mit Zunahme krankheitsbedingter Fehlzeiten. Mangels entsprechender Lösungsansätze und Alternativen führen Resignation und Selbstwertverlust zu verstärkten psychosomatischen Beschwerden und schließlich zur Depression und in der Folge damit einhergehenden wachsenden Rentenanträgen.

Der gesetzliche Auftrag der Deutschen Rentenversicherung zur Rehabilitation bedeutet für unser interdisziplinäres Team einer Rehabilitationsklinik, bestehend aus ÄrztInnen, PsychologInnen, KreativtherapeutInnen, Sport- und PhysiotherapeutInnen, SozialarbeiterInnen und ErnährungsberaterInnen folgende Zielorientierung:

Es geht vorrangig darum, die Teilhabe unserer PatientInnen am Erwerbsleben zu sichern, d. h. um die Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit und Vermeidung vorzeitiger Erwerbsminderung. Sie dient also dazu, die Reintegration in die Arbeitswelt nachhaltig zu fördern und zu sichern („return to work“) sowie der Wiederherstellung der Gesundheit, im körperlichen, geistigen, seelischen und sozialen Bereich. Dies bedeutet neben einer psychischen Wiederaufrichtung und körperlichen Stabilisierung insbesondere auch psycho-sozial-therapeutische Unterstützung mit der Hilfe zur Selbsthilfe, um gemeinsam Zukunftsperspektiven und Lösungsansätze zu erarbeiten, damit unsere PatientInnen wieder Alternativen  erkennen und damit wieder entscheidungs- und handlungsfähig werden. Dies gelingt überwiegend trotz einer begrenzten Aufenthaltsdauer von 4-6 Wochen auch bei bereits chronifizierten psychosomatischen Erkrankungen, bei vorliegender  Motivation und aktiver Mitarbeit unserer RehabilitandInnen.

Ausgehend von der demografischen Entwicklung und der schrittweisen Anhebung der Altersrente auf das 67. Lebensjahr in Verbindung mit einer starken Umstrukturierung der Arbeitswelt mit erheblicher Zunahme der psychomentalen Belastungen steht die Rehabilitation insgesamt vor gewaltigen Herausforderungen, über spezielle Behandlungskonzepte und Aufbau entsprechender Vernetzungen auch über den stationären Aufenthalt hinaus o. g. Ziele nachhaltig erreichen zu können.

Dabei erscheint es uns auch besonders wichtig, mit den Betrieben selbst, hier insbesondere auch mit den Betriebsärzten und Sozialarbeitern der Betriebe eng zu kooperieren, zum einen um die Bedingungen und Auslöser der Erkrankungen unserer Patienten besser einordnen zu können, zum anderen um unsere Behandlungsstrategien und Nachsorgeempfehlungen an die Erfordernisse und Bedürfnisse der Arbeitswelt anzupassen.

Wir können dadurch auch das betriebliche Eingliederungsmanagement der Arbeitgeber erfolgreich unterstützen zur Förderung der betrieblichen Wiedereingliederung. Durch Präventionsangebote sollen Arbeitnehmer rechtzeitig in die Lage versetzt werden, Stress abzubauen, Konflikte zu lösen, um chronischen Erkrankungen vorzubeugen.

Weitergehende Ziele sind also:

  • Auch ältere Arbeitnehmer sollen besser wieder in Arbeit kommen und länger in Arbeit bleiben
  • Arbeit in den Betrieben soll so gestaltet werden, dass sie gar nicht erst krank machen. Es geht um Entwicklung von alters- und alternsgerechter Arbeit
  • Durch enge Vernetzung der ambulanten und stationären Behandlungsangebote mit den entsprechenden Nachsorgeangeboten wird der „Patient“ körperlich und seelisch wieder so aufgebaut, dass er mit oder ohne weiterer professioneller Unterstützung letztendlich wieder eigenverantwortlich und mit eigener Selbstwirksamkeit sein Leben, seine Teilhabe und Partizipation selbst gestalten kann
  • Wie dringend erforderlich diese Maßnahmen letztlich sind, zeigen folgende Schlagzeilen der Presse in den letzten 4 Wochen und der „Fehlzeitenreport 2010“:
  • „mit 46 in die psychisch bedingte Frührente“: 2300 Erwerbsminderungsrenten in Hessen im Jahr 2009 sind psychisch bedingt (= jeder 3. wird Frührentner aus psychischen Gründen)
  • „krankheitsbedingte Fehlzeiten nehmen von 4,6 auf 4,8% zu“, mit durchschnittlich 17 Krankheitstagen pro Jahr. Davon nehmen die Muskel- und Skeletterkrankungen mit 23%, Atemwegserkrankungen 14%, akute Verletzungen 12% und psychische Erkrankungen mit 8,6% den Hauptteil ein, wobei die Erkrankungsdauer bei den psychischen Erkrankungen im Schnitt bis zu 23 Tage pro Jahr und länger an der Spitze liegen (Quelle: „Fehlzeitenreport 2010“, Wissenschaftliches Institut der AOK und Universität Bielefeld)
  • „Branchenspezifische maximale Belastungen mit psychischen und Verhaltensstörungen“ finden wir insbesondere bei Dienstleistungen wie Krankenpflege, Sozialarbeit, Erziehung und Pädagogik mit 12,4%, bei öffentlichen Verwaltungen, Sozialversicherungen mit 11,8%, bei Banken und Versicherungen mit 11,4%. Dagegen weisen Branchen mit besonderer körperlicher Belastung wie im Baugewerbe allenfalls 5,9% psychische Störungen auf
  • „Langzeitarbeitsunfähigkeiten über 6 Wochen liegen bei psychischen und Verhaltensstörungen mit über 12% an der Spitze“

 

Eine Umfrage bei niedergelassenen Psychiatern ergab, dass allein 26% aller psychisch Erkrankten ihre Arbeitsplatzproblematik als Hauptauslöser ansehen. Andererseits ist statistisch ebenfalls nachzuweisen, dass insbesondere auch unter den Langzeitarbeitslosen 3-4x häufiger psychische Erkrankungen, insbesondere schwere Depressionen bis hin zur Suizidalität vorherrschen.

 

Dies führt auch in der Psychosomatischen Abteilung der Klinik am Homberg zu einer folgenden Verteilung der psychosomatischen Erkrankungen:

  • 57%            depressive Erkrankungen
  • 18%            Anpassungsstörungen, incl. akute Belastungsreaktionen, aber auch posttraumatische Belastungsstörungen
  • 10%            Angst- und Panikstörungen
  • 10%            Somatisierungsstörungen und somatoforme Störungen
  • 5%            Persönlichkeitsstörungen, incl. Persönlichkeitsveränderungen nach Extrembelastungen und sonstige

 

Der Anteil der arbeitsunfähig Erkrankten liegt bei unseren PatientInnen bei 88%, wobei allein 30% langzeiterkrankt über 6 Monate sind. Um so erfreulicher, dass der Anteil der Arbeitsunfähigen auch mit Hilfe stufenweiser Wiedereingliederungen nach der Rehabilitation auf 38% sinkt.

Was führt letztendlich zur gewaltigen Zunahme der psychosomatischen Erkrankungen mit den Symptomen von: Schlafstörungen, funktionellen Magen-Darm-Beschwerden, Rückenbeschwerden, Kopfschmerzen, allgemeine Muskelverspannungen, bis hin zu Angst-/ Panikattacken und Depressionen, die einhergehen mit dem Gefühl der Hilflosigkeit, der Ohnmacht, der Handlungsunfähigkeit, mit Verlust an Selbstwirksamkeit, allgemeinem Selbstwertverlust bis hin zu Suizidgedanken und/oder Suchterkrankungen?

In den letzten 10 Jahren gibt es eine erhebliche Umstrukturierung der Arbeitswelt mit zunehmenden Belastungen

  1. aus der Arbeitsaufgabe (langzeitig hoher Anforderungsdruck, hohe Komplexität, erheblicher Zeit- und Termindruck, erhöhter Zwang zu Mehrarbeit, ständig hohes Arbeitstempo, zunehmende Informationstechnologie)
  2. Belastungen aus der Funktion im Arbeitsprozess (ständig hoher Verantwortungsdruck bei unzureichender Entscheidungsbefugnis, fehlende Unterstützung durch Kollegen und Vorgesetzte, fehlende Anerkennung und Enttäuschungen, Unklarheiten über Befugnisse und Zuständigkeiten)
  3. Belastungen aus der Arbeitsorganisation (personelle Über- oder Unterbesetzung des Aufgabenbereiches, soziale Isolierung, Mängel in der Arbeitsabstimmung, zu geringer Handlungs- und Entscheidungsspielraum)
  4. Belastungen aus dem sozialen Umfeld sowie aus persönlichen Bedingungen (mit unzureichender sozialer Unterstützung, ungünstigem Betriebsklima, Ängstlichkeit bei wechselnden Aufgaben und Anforderungen, hohe Verausgabungsbereitschaft bei ausbleibender Gratifikation und mangelnde Distanzierungsfähigkeit)
  5. Belastungen aus der Umgebung (mit verstärkten Umwelteinflüssen wie Lärm, Hitze, Kälte, Schichtarbeit etc.)

Der psychotherapeutische Prozess der Patienten kann sich zum Teil durchaus schwierig gestalten, da neben der Erstinformation und Bearbeitung des Fremdanteils der Arbeitsplatzproblematik (Arbeitgeberanteile) die Bearbeitung des Eigenanteils und Aufbau einer eigenen Veränderungsmotivation und Veränderung eigener Einstellungen des Patienten selbst erforderlich sind. Nach dem Motto: Nicht das Umfeld wird sich verändern, sondern jeder Einzelne selbst sollte wieder in die Lage versetzt werden, selbst etwas zu verändern. Dies gelingt durch veränderte Einstellungen, über Distanz - Verstehen - Entscheiden, um schließlich zum eigenverantwortlichen Handeln mit Hilfe aller sozialer Unterstützungsmöglichkeiten  zu kommen.

Das Konzept der psychosomatischen Berufstherapie in der Klinik am Homberg versucht diesen Veränderungen mit folgendem Behandlungsprogramm gerecht zu werden:

  1. Ausführliche Eingangsdiagnostik mit ärztlicher und psychotherapeutischer Lebens- und Arbeitsanamnese unter Berücksichtigung des biographischen Kontextes, mit testpsychologischer Diagnostik unter Einbezug von arbeitsbezogenen Verhaltens- und Erlebensmustern und Leymann-Mobbingfragebogen
  2. Interdisziplinäre Abstimmung der Rehabilitationsziele individuell mit dem Patienten und gemeinsames Erarbeiten von Behandlungsschwerpunkten
  3. Vielfältiges Behandlungsprogramm bestehend aus folgenden Psychotherapieangeboten: Berufskonflikt- und Berufskompetenzgruppen in Kombination mit ergotherapeutischen Kreativgruppen, individueller Einzeltherapie (Gesprächs- und Körpertherapie), Seminar Berufsprobleme, Seminar Biographie und Arbeit, Bewerbungstraining,. ausführliche Sozialberatung mit Informationsseminaren über Mobbing, über Sozialversicherungsleistungen und Möglichkeiten der beruflichen Rehabilitation und Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben.
  4. Bei interdisziplinären Sozialmedizinkonferenzen wird mit dem Patienten Folgendes gemeinsam erörtert:
  • Transparenz bezüglich seines körperlichen und seelischen Leistungsvermögens
  • Entwicklung weiterer beruflicher Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten
  • Beratung und Einleitung von Nachsorgeangeboten sowohl im Bereich der Psychotherapie (IRENA, PRN etc.) sowie
  • beruflicher Nachsorgeangebote der Deutschen Rentenversicherung (LTA etc.)
  • Empfehlungen zur weiteren psychotherapeutischen und sozialen Unterstützung im häuslichen Umfeld (z. B. ambulante Psychotherapie, IFD etc.)
  • mit Hilfe der Deutschen Rentenversicherung werden, soweit dies regional  möglich ist, bereits Kontakte mit den beruflichen Reha-Beratern vor Ort, mit den Betriebsärzten oder auf Wunsch auch mit den Arbeitgebern aufgenommen, um im Sinne eines Fallmanagements die Fortsetzung der Reha-Erfolge und die berufliche Wiedereingliederung weiter fördern zu können.

In dieser sehr schwierigen und belastenden Situation jedes Einzelnen möchten wir als Rehabilitationsklinik über die stationäre Behandlung hinaus dazu beitragen, über Kooperationen und Vernetzungen Brücken zu schlagen und mit den ambulanten Nachbehandlern, mit den Sozial-Verbänden, mit den sozialen Versicherungsträgern und insbesondere auch mit den Betrieben selbst gemeinsam eine nachhaltige und gesundheitserhaltende berufliche Wiedereingliederung jedes Einzelnen zu ermöglichen.

Wir begrüßen daher sehr die bei der Veranstaltung dargestellten vielfältigen betrieblichen Angebote zur Konfliktprävention, ebenso wie die des kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt bzw. die Angebote der Gewerkschaften und Sozialversicherungsverbände zur Stärkung eines gemeinsamen Netzwerkes.

 

Dr. med. H. Schulze

Chefärztin Psychosomatik

Klinik am Homberg

Bad Wildungen






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