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Die Scheidung

Juristisch ist eine Scheidung i.d.R. ein kurzer Prozess, ein Ereignis:


Die Scheidung

ist sozialwissenschaftlich, psychologisch gesehen eine längere, in sich gegliederte Entwicklung:

1.        Vorscheidungsphase

·           Phase der Unzufriedenheit

·           Phase der Entscheidungskonflikte

2.        Scheidungsphase

3.        Nachscheidungsphase

Der Trennungs- / Scheidung sprozess 

Es gibt eine umfangreiche Ratgeberliteratur zum Thema Scheidung. Da finden sich dann praktische Ratschläge für konkrete Schritte, weniger jedoch Hilfestellungen für diejenigen, die unschlüssig sind, unglücklich in ihrer Ehe, zwar schon mal an Scheidung gedacht haben, eine Scheidung aber noch nicht beschlossene Sache ist. Das ist die Phase eines Prozesses, die der Phase konkreter Entscheidung und der Scheidung vorausgeht, eine Phase, in der man sich sehr allein fühlen kann.

Während die Scheidung selbst - juristisch gesehen - nur ein Ereignis ist, ist sie aus sozialwissenschaftlicher oder therapeutischer Sicht Teil eines komplexen, mehrdimensionalen und dynamischen Veränderungsprozesses. Dieser Prozess kann zwei und mehr Jahre dauern.  

Nach Textor (Scheidung szyklus und Scheidung sberatung) gliedert sich dieser Prozess in mehrere Phasen: nämlich

  • die Vorscheidungsphase,

  • die Scheidung sphase und

  • die Nachscheidungsphase.

Die Vorscheidungsphase wiederum lässt sich in eine Phase der wachsenden Unzufriedenheit und eine Phase des Entscheidungskonfliktes einteilen.  

Die Vorscheidungsphase kann zwischen einigen Wochen und 5 oder mehr Jahren dauern.

Der erste Teil dieser Phase ist der Zeitraum der Verschlechterung der Ehebeziehung. Zumeist beginnt das ganz allmählich, mit einer Vielzahl einzelner, an sich unbedeutenden Handlungen und einer langsamen Abnahme beziehungsstärkender Verhaltensweisen. Positive Gefühle wie Liebe, Zuneigung, Vertrauen und Achtung schwinden und die Ehegatten sehen ihre Beziehung zunehmend in einem schlechten Licht. Sie beginnen ihre Ehe mit den Ehen anderer Paare, evtl. auch mit der Ehe der Eltern, und mit der eigenen Erwartung an ihre Ehe zu vergleichen.

Zum Vergleich mit anderen Ehen gehört die selektiven Wahrnehmung, d. h. in der eigenen Ehe wird in der Hauptsache das Negative und bei den anderen Ehen das Positive gesehen. Beim Vergleich mit den eigenen Erwartungen an die Ehe wirkt zusätzlich trennend, wenn die Sozialisationsbedingungen der Ehepartner sehr unterschiedlich waren und infolgedessen Vorstellungen von einer guten Ehe und vom geschlechtsspezifischen Rollenverständnis sehr unterschiedlich sind. 

In dieser Phase nimmt die Zahl der ungelösten Konflikte zu; entweder durch Vermeidung – man spricht nicht mehr miteinander – oder man streitet, aber die Kompromissbereitschaft nimmt rapide ab. Stattdessen sind die vorherrschenden Gefühle inzwischen Unzufriedenheit, Ärger, Enttäuschung, Resignation. Weil die Einsamkeit jetzt besonders groß ist liegt es nahe, sich Hilfe zu suchen. Das kann ein Gespräch mit einem guten Freund / Freundin sein oder mit einem Angehörigen. Nahe läge auch das Gespräch mit dem Ehepartner zu suchen, jedoch ist die Kommunikationsstörung eben meist der entscheidendste Teil des Problems. 

Die häufigsten Konfliktthemen in den Ehen sind einerseits unausgesprochene. vorbewusste Erwartungen neurotischer Natur (der Partner/die Partnerin soll Liebhaber, Freund, Gesprächspartner und Beschützer in einem sein, alle Bedürfnisse befriedigen und unter Umständen für eine unglückliche Kindheit entschädigen). Auf der anderen Seite sind Konfliktpunkte aber auch unerfüllte, ganz realistische Forderungen (Tabelle 1). Da geht es um die Beteiligung an der Hausarbeit, um das Ausfüllen der Elternrolle, um die Präsenz als Gesprächs- Freizeit- und Sexualpartner. Unerwartete finanzielle und berufliche Probleme können erschwerend hinzukommen, aber auch normale Übergangskrisen, wie Geburt des ersten Kindes, Ablösung und Auszug des jüngsten Kindes, Eintritt in den Ruhestand sind belastend. Besonders belastet wird eine Ehebeziehung durch Krisen wie Arbeitslosigkeit, Geburt eines behinderten Kindes, Aufnahme eines pflegebedürftigen Elternteils, Auftreten einer chronischen Erkrankung. Verfügt das Paar über gute Möglichkeiten miteinander zu kommunizieren und gute Konfliktlösungsstrategien (Tabelle2), so lässt sich eine Entwicklung, die unter Umständen in Scheidung endet, vermeiden.  

Der zweite Teil in der Vorscheidungsphase beginnt, wenn eine Scheidung konkret erwogen wird. Es beginnt ein Kosten / Nutzen abwägen bzgl. der Ehe. Diese Phase wird begleitet von Angst vor zukünftigem Alleinsein, Angst vor der Zukunft, vor Ungekanntem. Angst auch vor der Reaktion von Freunden und Verwandten, Angst vor der Reaktion des Ehepartners, wenn der Scheidung swunsch ausgesprochen würde.

Geprägt ist diese Vorentscheidungsphase von einem inneren Konflikt. Einerseits besteht der Wunsch, einer inzwischen möglicherweise unerträglichen Situation zu entfliehen. Andererseits möchte man den eigenen Ansprüchen bzgl. Treue, Beständigkeit und Leid genügen, dem anderem kein Leid zuzufügen, gut zu sein. Schuldgefühle, Trauer, Angst vor der Zukunft und das Gefühl, versagt zu haben, gehören ebenso dazu wie die Hoffnung chronischen Ärger, Kränkung, Verletzung, Enttäuschung und Angst hinter sich zu lassen. 

Was in dieser Phase der Entscheidung abgewogen sein will ist auch ganz konkretes, die äußere Realität betreffendes Risiko, nämlich das Risiko allein zu sein und weniger Geld zu haben. Abgewogen werden auch die Chancen auf dem Arbeitsmarkt, wenn z B die Ehefrau nicht berufstätig ist, und die Chancen auf dem Kontakt- und Heiratsmarkt. (Abb.1) 

Manchmal geht alles sehr schnell, z. B. wenn einer der beiden Partner vor den Konflikten in eine Nebenbeziehung ausgewichen ist und diese plötzlich entdeckt wird oder mitgeteilt wird und der betrogene Partner mit starken Emotionen, wie Ärger, Angst und Eifersucht reagiert und sich auf nichts mehr einlässt. Für andere Paare beginnt eine Zeit der Diskussionen und Auseinandersetzungen. Dabei ist bemerkenswert, wie häufig es vorkommt, dass einer der beiden Partner von den Scheidungsgedanken des anderen völlig überrascht ist. Das geht Männern wie Frauen so. Manche Paare suchen sich in dieser Zeit Hilfe bei Beratungsstellen und Therapeuten, oder einer der beiden Partner tut das. Versöhnung ist jetzt ebenso möglich wie offener Ehekrieg und der Ausgang ist durchaus offen: Erneuerung der Ehe sind ebenso möglich wie eine Entscheidung zur Fortsetzung der Beziehung als Vernunftehe unter Verzicht auf ursprüngliche Vorstellungen. Möglich ist auch die Ehe zu konservieren ohne etwas in der Beziehung zu ändern und eben weiter zu leiden oder sie zu einer leeren Hülle zu machen, indem man seinen Lebensschwerpunkt woandershin verlegt, z. B. in den Beruf, die Karriere, die Kindererziehung, eine Passion etc. Trennung auf Probe und die endgültige Trennung sind die Alternative. Die letzte Initiative geht dabei häufiger von Frauen aus als von Männern. (Abb.2)

Zwischen 1700 und 1876 verklagten in der kleinen Stadt Worb 90 Ehepartner einander mit folgenden Begründungen: 

20 x wegen Misshandlung
17 x wegen Ehestreit
11 x wegen Bösem Maul u. Zankerei
10 x wegen Verlassens, Abwesenheit
 9 x wegen Ehebruch
 9 x wegen Fluchens
 8 x wegen Liederlichkeit
 5 x wegen Trinksucht und Völlerei

1 x wegen Vernachlässigung der Kindererziehung 

Ehemänner klagten in Worb auf Scheidung
7 x wegen Ehebruch
3 x wegen Verlassens
1 x wegen bösem Maul, Zanken
1 x wegen Gefängnisaufenthalt der Frau
1 x wegen schlechter Kindererziehung
1 x wegen Armut

Ehefrauen klagten in Worb auf Scheidung
6 x wegen Vernachlässigung der Haushaltspflicht
6 x wegen schlechter Behandlung, Schlagen
6 x wegen Ehebruch
5 x wegen Verlassen werden, Abwesenheit
5 x wegen Trinksucht
4 x wegen Fluchen
3 x wegen Verschwenden
1 x wegen Gefängnisaufenthalt
1 x wegen Verjagt worden sein
1 x wegen Diebstahl
1 x wegen Unverträglichkeit
1 x wegen schlechter Kindererziehung

Quelle: Birgit Stalder, Scheidung und andere Ehekonflikte am Worber Sittengericht 

Tabelle 1

Konfliktstrategien:

1.  Konflikt ignorieren, aussitzen, auf die leichte Schulter nehmen. Dem Partner aus dem Weg
     gehen, abwarten.
2.  Konflikt emotionalisierend ausagieren: laut Zanken und Schimpfen, Heulen, Schluchzen und
     Schreien; Schlagen.
3.  Konflikt verhandelnd und sich streitbar auseinandersetzend austragen: angemessene Gefühle
     zeigen, realistische Forderungen stellen, erfüllbare Wünsche äußern.
4.  Sich mit Drohung und Erpressung durchzusetzen versuchen

 

Tabelle 2           

                 zu einem fernen, unbestimmten Zeitpunkt                                   nach einer vernünftigen Frist
                 Nachteil: es ändert sich nichts oder der andere                            Vorteil: genügend Zeit, um Informationen
                 entscheidet                                                                               für eine kluge Entscheidung zu sammeln

                                                                                                               

 

Die Scheidung sphase dauert aufgrund gesetzlicher Vorschriften mindestens ein Jahr. In dieser Zeit muss eine neue Wohnung gefunden werden, der nicht berufstätige Partner muss eine Arbeit finden, es sei denn, es sind kleine Kinder zu versorgen, und es beginnt eine Umstellung auf eine Vielzahl von Veränderungen im Alltag, die diese und die Nachscheidungsphase ausfüllt. Die Bekannten und Verwandten verhalten sich plötzlich anders und unterscheiden zwischen den beiden Ehepartnern deutlich in ihrem Verhalten und einer der beiden Partner verliert so manche Beziehungen .

Jeder Getrenntlebende reagiert auf diese Veränderungen ganz individuell und auf einzigartige Weise. Der Initiator der Trennung hat zumeist weniger Probleme damit, da er sich die Situation gewünscht hat. Von großer Bedeutung ist, ob in der Familie Kinder leben oder nicht. Hier ist, wenn das der Fall ist, weitere Zusammenarbeit und Umstrukturierung der Beziehung notwendig. Ein großes Problem für alle Geschiedenen ist, das Ende der Ehe zu akzeptieren. Selbst der Initiator der Scheidung bezweifelt, ob er die richtige Entscheidung gefällt hat. Schuldgefühle entwickeln sich. Besonders schwer fällt es dem Partner, der sich als verlassen erlebt.  

1/3 der Frauen und ein 1/5 der Männer – so zeigt eine Untersuchung in Amerika – litten in der Zeit nach der Trennung unter Symptomen. Generell wird über Schlafstörungen, Erschöpfung, Apathie, Nervosität, Reizbarkeit, Kopfschmerzen, Drogen- und Medikamentenmissbrauch, erhöhten Alkohol- und Nikotingenuss und Depression berichtet. Verschiedene Untersuchungen haben bei Getrenntlebenden und Geschieden erhöhte Selbstmordraten, eine größer psychiatrische Morbidität und eine überdurchschnittlich große Anfälligkeit für Krankheiten und eine höhere Unfallrate festgestellt.  

Es gibt jedoch auch die entgegengesetzte Entwicklung: Eine Zunahme des Selbstwertgefühls, der Zufriedenheit, der inneren Energie, des Gefühls einer eigenen, inneren Weiterentwicklung, einer Verbesserung des Gesundheitszustandes, ein Rückgang der Schlafstörungen und eine Abnahme von Depressionen.  

Was eintritt, hängt von der subjektiven Bewertung der Trennung im Hinblick auf die eigene Gegenwart und Zukunft ab. Sieht ein Getrenntlebender die Scheidung in erster Linie als Chance des Neubeginns, so wird er relativ schnell über diese hinwegkommen, betrachtet er sie hingegen als Folge des eigenen Versagens, oder als Zeichen dafür, nicht attraktiv oder liebenswert zu sein, so wird er lange unter der Trennung leiden. Andererseits können in dieser Phase psychische oder psychosomatische Störungen der Vorscheidungsphase verschwinden, da Ehekonflikte, Angst vor dem Partner und ähnliche Belastungen nicht mehr von Bedeutung sind.

Eine große Hilfe bei der Verarbeitung der Scheidung ist sich in einem Netzwerk von Kontakten zu bewegen. Freunde und Bekannte des Ehepaares entscheiden sich in der Regel für einen der beiden Partner, und bieten dann Verständnis und Empathie und vermitteln Gefühle der Sicherheit und der Geborgenheit, helfen auch u. U. beim Umzug, der Arbeitssuche, im Haushalt und der Kinderbetreuung.

In den ersten ein, zwei Monaten nach der Trennung haben Getrenntlebende in der Regel relativ wenig Kontakte zu Sexualpartnern, sofern nicht ein außereheliches Verhältnis fortgesetzt wird. 

Während Personen, die noch relativ jung sind, nur kurze Zeit verheiratet waren und noch keine Kinder haben, sehr schnell  in den Lebensstil von Singles zurückfallen, wenig Probleme mit der Partnersuche haben und leicht voneinander unabhängig werden, ergibt sich ein anders Bild bei Ehepartnern, die lange zusammenlebten. In diesen Fällen wird die Trennung u. U. als ein großes Trauma und ein Verlust als Lebenssinn erlebt. In einigen Punkten hat die Trennung für Männer und Frauen unterschiedliche Folgen. Frauen erleben eher einen starken sozioökonomischen Abstieg als die Männer.  

Es wurde schon auf die Möglichkeit beratender und therapeutischer Hilfe für Ehepaare bei der Entscheidungsfindung hingewiesen. Therapeutische Hilfe ist besonders gefragt, wenn im Scheidungsprozess die oben erwähnten psychischen und psychosomatischen Symptome auftreten. Hier kann ambulante Therapie helfen, es kann jedoch auch stationäre Psychotherapie angezeigt sein. Die Themenstellung wird je nach Phase unterschiedlich sein, angefangen von der Entscheidungsfindung, über die Verarbeitung von Kränkung und Verletzung, die Neubewertung der eigenen Ehe und des Partners und die Neubewertung von Ehe überhaupt, bis hin zur neuen Sinnfindung. Sind Symptome da, so wird der Kostenträger – die Krankenkasse oder der Rentenversicherungsträger – auch eine stationäre Behandlung – zum Beispiel in der Klinik am Homberg, finanzieren. Die Klinik am Homberg ist jedoch auch Aufenthalt als Selbstzahler möglich, wenn es nicht in erster Linie Behandlung von Krankheit geht, sondern um Entscheidungs- und Sinnfindung.

Ihr Team von der Klinik am Homberg

Zur Klärung weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw. Therapiemöglichkeiten steht Ihnen unsere Chefärztin im persönlichen Gespräch gerne zur Verfügung. Bitte vereinbaren Sie zuvor einen Termin in unserer Privatambulanz

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