unspezifische Rückenschmerzen. Psychosomatische Rehabilitation bei chronischen Rückenschmerzen. Einleitung  Chronische Rückenschmerzen. Die Klinik am Homberg Bad Wildungen ist eine Fachklinik für Psychotherapie, Psychosomatik, Orthopädie, Traumatologie, Interdisziplinäre Schmerztherapie, AHB und BGSW und Sporttherapie...
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unspezifische Rückenschmerzen

Psychosomatische Rehabilitation bei chronischen Rückenschmerzen

Einleitung  

Chronische Rückenschmerzen sind eine große Herausforderung für die Gesundheitsversorgung. Häufig kommt es zu einer langen Krankengeschichte mit Zusammenbruch der Arbeitsfähigkeit. Reichhaltiger Gebrauch von Schmerzmitteln kann zusätzliche körperliche Schädigungen bewirken. Zunehmende körperliche Inaktivität und depressive Stimmung belasten das Selbstwertgefühl. Es kann zu Konflikten mit Familienangehörigen und im Beruf kommen. Häufig gibt es viele Therapieabbrüche und Konflikte mit Ärzten und anderem medizinischen Personal. Chronische Rückenschmerzen sind für lange Arbeitsunfähigkeitzeiten verantwortlich und häufigster Grund für Frühberentungen. Wichtig kann als Hilfe beim Wiederanknüpfen am aktiven Leben ein Aufenthalt in einer Rehabilitations-Klinik wie der Klinik am Homberg sein.  

Definition  

Im Vordergrund steht eine schon mindestens 6 Monate anhaltende Rückenschmerzproblematik im Halswirbelsäulen-, Brustwirbel- oder Lendenwirbelsäulenbereich, bei der sich keine Hinweise auf eine knöcherne Erkrankung, keine entzündliche Ursache, kein Tumor, keine Gefäßmissbildung und kein operationswürdiger Bandscheibenvorfall ergeben haben. In einem solchen Fall spricht man von unspezifischen Rückenschmerzen. Diese können sogar von Schmerzen, die in Arme und Beine ausstrahlen und von ausstrahlenden Kribbelgefühlen und Taubheitsgefühlen begleitet sein, bei denen ein Neurologe zur Diagnosefindung unspezifischer Rückenschmerzen hinzugezogen werden sollte. Unspezifische Rückenschmerzen haben mit Abstand den größten Anteil an den gesamten Rückenschmerzen. Auch dann, wenn die Untersuchungen nur diskrete körperliche auffällige Befunde ergeben, die über Monate anhaltende Schmerzen nicht hinreichend erklären, sprechen wir von unspezifischen Rückenschmerzen. Dann kann ein Gespräch über Belastungen in der Familie und am Arbeitsplatz wichtig werden. Solche Belastungen können gelegentlich erst im Laufe von Gesprächen klarer werden.  

Häufigkeit  

Rückenschmerzen haben sich in den meisten industrialisierten Ländern zu einem erstrangigen Gesundheitsproblem entwickelt. Schätzungen ergeben, dass etwa 80 bis 90 % der Bevölkerung westlicher Industrienationen mindestens einmal im Leben unter Rückenschmerzen leiden. Männer und Frauen sind gleichermaßen betroffen. Der Beginn der Beschwerden liegt meist im jüngeren bis mittleren Lebensalter. Bei 70 % der Patienten kommt es zum wiederholten Auftreten von Rückenschmerzen mit Tendenz zur Verlängerung und Intensivierung der Schmerzphasen.  

Risikofaktoren  

Als prognostisch ungünstige Bedingungen, die zur Entwicklung von chronischen unspezifischen Rückenschmerzen beitragen, haben sich in verschiedenen Studien folgende Belastungen erwiesen:

  • Unzufriedenheit mit der Arbeit
  • Ärger mit Kollegen oder Vorgesetzten
  • Gefühl von Überforderung und Unterforderung durch die Arbeit
  • Zeitdruck
  • langes Sitzen
  • Belastungen im privaten Alltag, für die die Betroffenen keine Lösungsmöglichkeit sehen
  • schwere körperliche Arbeit insbesondere in rückenbelastenden Positionen vornüber gebeugt und in einseitiger Haltung

All diese Faktoren stellen Risikofaktoren für die Chronifizierung von Rückenschmerzen dar.  

Krankheitsentstehung  

Wir müssen von verschiedenen medizinischen Ursachen bei der Entwicklung chronischer Rückenschmerzen ausgehen. Zum einen von der Aktivierung sensibler Endigungen in  Schmerzfasern, die Gelenke, Sehnen und Muskeln des Rückens versorgen. Zum anderen von erhöhter Muskelanspannung der Rückenmuskulatur. Zum weiteren von schwacher Muskulatur mit Labilisierung des Wirbelsäulengefüges. Zum vierten von Schmerzwahrnehmung, die in Schmerzzentren des Gehirns entsteht.  

Einfluss der individuellen Schmerzbewältigung  

Zur Chronifizierung trägt das Vermeiden aller körperlichen Aktivitäten bei. Dazu gehört der  Rückzug von beruflichen Aktivitäten, von Hausarbeit, Freizeitaktivitäten und von Sport.  Extremen Rückzug bedeutet es, wenn der Betroffene mehrere Stunden tagsüber im Bett bleibt. Das Rückzugs- bzw. Vermeidungsverhalten kann zwar kurzfristig zu einer Entlastung führen, spätestens mittelfristig erlebt sich der Betroffene aber enorm in seinem Bewegungs- und Handlungsradius eingeschränkt; dies kann als auslösender oder aufrechterhaltender Faktor einer Depression fungieren.

Der Gegenpol zum Vermeidungsverhalten sind Durchhaltestrategien. Dabei wird jeder Termin und jede Verabredung eisern eingehalten, man ist um keinen Preis bereit, einmal eine Unternehmung abzusagen, zu der man sich eigentlich nicht in der Lage fühlt. Man ist nicht gewohnt, Pausen bzw. Phasen der Entspannung in seinen Tätigkeiten einzulegen. Wenn man davon ausgeht, dass jeder Mensch letztlich Erholungszeiten braucht, um seinen Alltagsanforderungen adäquat nachkommen zu können, kann man solch einen „Raubbau“ am eigenen Körper natürlich nicht über Jahre hinweg ohne Konsequenzen für Körper und Seele betreiben. Die chronifizierte Schmerzsymptomatik signalisiert dann, dass der Betroffene sich psychisch und physisch überfordert hat.  

Extremes Vermeidungsverhalten und stark ausgeprägtes Durchhaltevermögen sind wichtige Chronifizierungsfaktoren bei Rückenschmerzen. Zur Verhinderung der Chronifizierung sind das rhythmische Wechseln und eine Balance zwischen Anspannung und Entspannung wichtig.  

Einfluss sozialer Belastungen  

Zu den kritischen Altersgruppen, bei denen häufig chronische, unspezifische Rückenschmerzen auftreten, zählen die über 50-Jährigen und die Gruppe der 30 - 39-Jährigen. Risikofaktoren sind Arbeiten, bei denen sich der Betroffene ohne Einflussmöglichkeiten auf die Arbeitsabläufe passiv hinnehmend und ausgeliefert fühlt mit der Folge von depressiver Stimmungslage. Risikofaktoren sind auch belastende Lebensereignisse wie Tod eines nahen Angehörigen, Scheidung, Kränkungen, Erlebnisse, die mit Gefühlen von Peinlichkeit und Scham verbunden sind. Vernachlässigung, Misshandlung und Missbrauch in der Kindheit und Übergriffe, die im Erwachsenenalter erlitten werden, können Auslöser von chronischen Rückenschmerzen sein.  

Therapie  

In der psychosomatischen Rehabilitation in einer Klinik ist die Berücksichtigung von körperlichen, seelischen und sozialen Hilfsangeboten wichtig.  

Die Klinik am Homberg, Bad Wildungen, versucht nach einer individuell abgestimmten ärztlichen und psychotherapeutischen Eingangsdiagnostik, über ihr (im Folgenden näher beschriebenes) Behandlungsangebot jedem/r Patienten in seinen Therapieerfordernissen (somatisch, psychotherapeutisch, medikamentös) gerecht zu werden. Es wird ein individueller Therapieplan zusammengestellt, der – falls indiziert – natürlich während des Aufenthaltes angepasst wird. Jede/r Patient hat seinen betreuenden organmedizinischen Arzt und seinen Psychotherapeuten. Ziel ist die Linderung der Schmerzsymptomatik und Wiederaufnahme von selbstbestimmter Aktivität in Familie, Freundeskreis und Beruf.  

Geboten werden bei chronischen unspezifischen Rückenschmerzen Sportgruppen wie  Wirbelsäulengymnastik, die Ball- und Bandgruppe, Wassergymnastik und Ergometertraining auf einem Ergometerfahrrad. Die Krankengymnastikabteilung gibt in der Rückenschule Informationen zur Anatomie der Wirbelsäule und der Rückenmuskulatur. Einzelkrankengymnastik und Medizinische Trainingstherapie an Geräten gehören zum Angebot.

In der physiotherapeutischen Abteilung sind Massagen, Moorpackungen, Wannenbäder,  Wärmeanwendungen und Kurzwelle möglich.

Die Eutonie fördert einen selbstfürsorglicheren Umgang mit dem Körper, eine vertiefte Körperwahrnehmung auch des Rückens.

Bezüglich der Psychotherapie bietet die Klinik am Homberg mit ihrem tiefenpsychologisch orientierten und verhaltenstherapeutischen Konzept die Möglichkeit, beide Verfahren zu kombinieren. Wenn ein(e) Patient in einem Verfahren bereits Vorerfahrungen hat, können wir daran anknüpfen. Es gibt ein Gruppentherapieangebot, das durch einzeltherapeutische Gesprächskontakte ergänzt oder – wenn erforderlich – ersetzt werden kann.

Im Rahmen der kognitiv-verhaltenstherapeutischen Schmerzbewältigungsgruppe wird ein psychophysisches Modell zur Erklärung der Entstehungs- und Aufrechterhaltungsbedingungen von chronischen Schmerzzuständen vermittelt. Einflüsse von Kognitionen, Gefühlen, physiologischen Faktoren und Verhalten auf die subjektive Schmerzwahrnehmung sowie Wechselwirkungen zwischen diesen vier Ebenen werden erörtert. Im Weiteren werden Körperwahrnehmungsübungen durchgeführt – mit dem Ziel einer differenzierteren Wahrnehmung des Schmerzgeschehens – und Entspannungs- und Ablenkungstechniken geübt – mit dem Ziel einer besseren Selbstfürsorge.

Als Entspannungstraining bieten wir Progressive Muskelrelaxation nach Jakobson, das Autogene Training, Atembiofeedback und Meditation an.

In der Gesprächsgruppe ist es möglich, in Austausch mit anderen zu kommen, aus der Isolation herauszufinden und – über die Reflexion der eigenen Lebensgestaltung und Belastungsfaktoren – Handlungsoptionen zu erarbeiten. Oft wird entlastend erlebt, wenn sich auch andere mit ihrem Leid zeigen und man aus Alleinsein und Einsamkeit heraustreten kann. Bei starker Depressivität ist eine diesbezügliche medikamentöse Therapie evtl. indiziert.

Kreativgruppen bieten wir als Kunsttherapie, Musiktherapie und Bewegungstherapie an, um auch darüber den versperrten Zugang zu innerem Erleben und Gefühlen zu erleichtern.

Beim beruflichen Kompetenztraining mit dem Berufspädagogen werden Fähigkeiten zur Bewältigung von hohen Arbeitsanforderungen erarbeitet. Die diesbezügliche Reflexion und Rückbesinnung auf eigene Kompetenzen und Ressourcen wird häufig als große psychische Entlastung erlebt; die erarbeiteten Handlungsoptionen können Zukunftsängste deutlich reduzieren.

In der Ergotherapie ist das Einüben von rückengerechtem Verhalten am PC-Arbeitsplatz möglich. Gedächtnistraining in der Gruppe ist im Angebot.

Literatur:

  • Hasenbring, M. (2001): Biopsychosoziale Grundlagen der Chronifizierung am Beispiel von Rückenschmerzen. In: Zenz, M., Jurna, I. (Hg.): Lehrbuch der Schmerztherapie. Stuttgart (Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft).

  • Hildebrandt, J., Schöps, P. (2001): Schmerzen am Bewegungsapparat/Rückenschmerz. In: Zenz, M., Jurna I. (Hg.): Lehrbuch der Schmerztherapie. Stuttgart (Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft).

  • Merkle, W., Egle, T. (2001): Die somatoforme Schmerzstörung. Hessisches Ärzteblatt 10/2001, 498-504.

  • Pfingsten, M., Hildebrand, J. (1998): Chronischer Rückenschmerz. Wege aus dem Dilemma. Bern ( Verlag Hans Huber).

Dr. med. W. Rasbach                    A. Meyer
Fachärztin für Neurologie                      Psychologische Psychotherapeutin
und Psychiatrie, Psychotherapie           Ltd. Psychologin

Weitere Informationen

Sekretariat der Abteilung Psychosomatik/Psychotherapie

Telefon 05621 793-289
Fax 05621 793-292
E-Mail
jakelb@klinik-am-homberg.de

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